UNGARN / Die Sozialisten haben einen Multimillionär zum Regierungschef
gewählt
Autor: HARTMUT KÜHNE, Budapest
Wenn ein Deutscher die ungarische Politik verstehen will, braucht er
Phantasie. So zum Beispiel, um zu begreifen, wie es vergangene Woche
zur Wahl des 43-jährigen Ferenc Gyurcsany zum neuen
Ministerpräsidenten des Landes kam.
Auf deutsche Verhältnisse übertragen, sieht sein bisheriger Werdegang
ungefähr so aus: Man stelle sich vor, der ehemalige Vize-Chef der FDJ
hätte es nach dem Mauerfall zum millionenschweren Immobilienhai
gebracht, wäre in die SPD eingetreten, hätte anschließend Gerhard
Schröder gestürzt, um als dessen Nachfolger im Kanzleramt die
rot-grüne Koalition auf einen liberalen Kurs zu zwingen, der irgendwo
bei Friedrich Merz und Otto Graf Lambsdorff liegt.
Alles unrealistisch? Nicht in Ungarn. Ferenc Gyurcsany (dessen Name in
etwa wie Giurtschani ausgesprochen wird) hat eine jener verschlungenen
Karrieren hinter sich, wie sie nur historische Umbrüche möglich
machen. Sein politischer Aufstieg begann innerhalb des kommunistischen
Jugendverbands. 1989 hatte er es bis zum stellvertretenden
Landesvorsitzenden dieser Organisation geschafft.
Die Wende tat dem Aufstieg des Jungfunktionärs keinen Abbruch, im
Gegenteil. Gyurcsany sattelte auf Unternehmer um, und das mit großem
Erfolg. 1992 gründete er seine eigene Anlagegesellschaft Altus.
Mittlerweile steht der neue Regierungschef auf der ungarischen
Millionärsliste auf Rang 64. Ironie des Schicksals: Zu Gyurcsanys
Immobilienbesitz gehört der ehemalige Sitz der Kommunistischen Partei.
Jetzt nutzt das Parlament den weißen Bürobau am Budapester Donauufer.
Die Abgeordneten sind also Mieter des Ministerpräsidenten.
Der Unternehmer wählte sich privat eine hilfreiche Gefährtin: Seine
mittlerweile dritte Ehefrau Klara Dobrev steht dem Aufsichtsrat einer
großen Bank vor. Sie stammt aus einer Familie, der exzellente Kontakte
zur alten Funktionärsschicht nachgesagt werden.
So verlief neben der wirtschaftlichen Karriere auch Gyurcsanys
politischer Aufstieg innerhalb der Linkspartei MSZP ungestört, jener
Partei also, die aus den Kommunisten entstanden ist, mit ihrer
Vergangenheit brach und heute mit der SPD vergleichbar ist. Eine
Parallele, die allerdings mit Einschränkungen stimmt. Die ungarischen
Sozialdemokraten propagieren einen liberalen Gulaschkapitalismus. Eine
Agenda 2010, wie sie die SPD mit zusammengebissenen Zähnen durchführt,
stieße in Budapest auf weniger Protest. Ein agiler Unternehmer an der
Spitze macht den Ungarn keine Angst.
Seit zwei Jahren regiert die MSZP in einer Koalition mit den Liberalen
das Land. In der Vergangenheit war die Koalition darum bemüht, die
Reformverlierer besser zu stellen. So verdoppelte Gyurcsanys Vorgänger
Peter Medgyessy die Löhne im öffentlichen Dienst. Doch das gefährdete
die Haushaltskonsolidierung. So hatte Medgyessys Kurs wenig Erfolg.
Der Ministerpräsident verlor an Rückhalt in den eigenen Reihen. Bei
den Europawahlen im Juni erlitt die Partei eine Schlappe, während die
Oppositionsparteien auf 48 Prozent kamen. In Folge stürzte Ferenc
Gyurcsany den alten Ministerpräsidenten auf einem Parteitag am
27. August.
In der zupackenden Art des Millionärs sieht die MSZP ihre
Zukunftschance. Mit Gyurcsany will sich die Partei gegen den
charismatischen Oppositionsführer Victor Orban positionieren, der von
1998 bis 2002 Ministerpräsident war. Bei jeder Wahl seit 1990 ist es
in Ungarn bisher zu einem Regierungswechsel gekommen. Auch für den
nächsten Urnengang 2006 hatten die meisten Beobachter bisher einen
Wahlsieg der Opposition und damit eine neuerliche Amtszeit für Victor
Orban vorhergesagt. Nun aber, seit dem personellen und inhaltlichen
Schwenk der MSZP, ist das Rennen wieder offen. Schon wird Gyurcsany
mit Tony Blair verglichen. Der neue Ministerpräsident kann seine Macht
weiter ausbauen, weil der bisherige Außenminister und MSZP-Chef Laszlo
Kovacs als EU-Kommissar nach Brüssel wechselt, sodass Gyurcsany auf
den bisher mächtigen Parteivorsitzenden wenig Rücksicht nehmen muss.
Ungarn steht 15 Jahre nach der Wende und fünf Monate nach dem
EU-Beitritt vor ähnlichen Problemen wie Deutschland: Die Gesellschaft
altert, Rente und Gesundheit sind schwer zu finanzieren.
Wir müssen den Mut haben, die liberale Marktwirtschaft zu akzeptieren,
ermutigt Gyurcsany die Ungarn. Es darf keine Schande sein, erfolgreich
zu sein ein Bekenntnis, das der neue Ministerpräsident vorlebt. Er
muss im Haushalt sparen, das ist seine größte Herausforderung. Im
Gesundheitssystem oder bei der Abgabe von freien Schulbüchern
profitieren heute nicht nur die Bedürftigen, das muss sich ändern,
kündigt er eine der Sparmaßnahmen an und verlangt, dass in Zukunft
auch 70-Jährige noch arbeiten müssten.
Sieht der Ministerpräsident im deutschen Kanzler ein Vorbild?
Gyurcsany zögert: In einem Punkt ist mir Gerhard Schröder voraus. Er
ist zum vierten Mal verheiratet, ich erst zum dritten Mal.
|