REPORTAGE zum 9. 11.:
"Imre Kozma - Wie ein bescheidener,
hilfsbereiter Budapester Pfarrer vor 15 Jahren das
Fundament der Berliner Mauer erschütterte"
Von unserem Redaktionsmitglied Martin Ferber
Budapest.
An den Tag, an dem er auf die Bühne der internationalen
Politik katapultiert wurde und den Lauf der Weltgeschich-te
veränderte, kann sich Imre Kozma noch bestens erinnern. Es
war der Abend des 13. August 1989, der katholische Pfarrer
der Gemeinde "Zur Heiligen Familie" im grü-nen Budapester
Vorortbezirk Zugliget zog sich in der Sakristei gerade das
Messge-wand aus, da trat der Konsul der bundes-deutschen
Botschaft in Ungarn an ihn her-an. Er habe ein Problem,
begann der Dip-lomat, die Botschaft sei voll mit DDR-Flü
chtlingen, die auf dem Gelände der Ver-tretung Schutz
gesucht hätten, und platze mittlerweile aus allen Nähten. Ob
der Pfar-rer nicht einige Flüchtlinge in seiner Pfarrei
aufnehmen und versorgen könnte. "Da sagte ich einfach Ja,
ohne nachzudenken", erzählt der heute 64jährige Imre Kozma
im Rückblick, "wenn ich nachgedacht hätte, hätte ich nicht
Ja gesagt."
Die spontane Zusage des schlanken, grau-haarigen, stets
freundlich lächelnden Pfar-rers, der erst kurz zuvor die
Leitung der ungarischen Malteser übernommen hatte, sollte
ungeahnte Folgen haben. Ohne es zu wollen und ohne es zu
ahnen stand der be-scheidene, unbedeutende Geistliche vor 15
Jahren plötzlich mitten in einem Drama der Weltgeschichte -
dem Fall des Eisernen Vorhanges, dem Untergang des Ostblocks
und dem Ende des Kalten Krieges. Mit seiner Entscheidung,
die DDR-Flüchtlinge in seinem Pfarrgarten unterzubringen und
zu versorgen, erschütterte er das Fundament der Berliner
Mauer, die schließlich am 9. November 1989 in sich
zusammenfiel. "Dabei habe ich nur auf das Evangelium
gehört", sagt Imre Kozma, der sich bis heu-te nicht als
Hauptperson der Weltgeschichte sehen mag: "Ich war fremd und
ihr habt mich aufgenommen."
An all dies war nicht zu denken, als Pfarrer Kozma, unterstü
tzt von Maltesern aus Mün-chen, in seinem Pfarrgarten
provisorische Zelte, eine mobile Küche und sanitäre An-lagen
aufstellte. In Budapest spielten sich dramatische Szenen ab:
Seitdem die ungari-sche Regierung im Mai im Alleingang Hand
an den Eisernen Vorhang angelegt und de facto den
Schießbefehl an der Gren-ze zu Österreich abgeschafft hatte,
wurde Ungarn zum Gelobten Land aller frustrier-ten DDR-Bü
rger, die vom abgewirtschafte-ten SED-Regime genug hatten.
30.000 DDR-Bürger campierten im Sommer auf den Straßen
Budapests in Zelten und Wohnwagen, mindestens noch einmal so
viele hielten sich am Plattensee auf. Rasch machte die
Nachricht vom Quartier in der Pfarrei "Zur Heiligen Familie"
die Runde, nach drei Tagen platzten die kleine Kirche, in
der die Flüchtlinge schliefen, und der Garten aus allen
Nähten. Pfarrer Kozma richtete drei weitere Lager in
Budapest ein.
"Es war ein ständiges Kommen und Gehen", erinnert er sich.
Jeden Morgen bra-chen 200, 300 Leute in Richtung Sopron an
der österreichische Grenze auf, gleichzeitig drängten
ununterbrochen Neuankömmlinge auf das Areal der kleinen
Pfarrgemeinde, die die Gunst der Stunde nutzen wollten.
Niemand wusste, wie lange das Schlupfloch offen sein würde,
die DDR-Führung dräng-te den ungarischen Bruderstaat, die
Grenze dicht zu machen. Während die bundesdeut-sche
Botschaft im Zeltlager eine Außenstel-le eröffnete und den
Flüchtlingen provisori-sche Pässe ausstellte, versuchten die
DDR-Behörden mit allen Mitteln den Massen-exodus zu
stoppen. Geheimdienstleute sa-ßen auf den gegenüberliegenden
Dächern, der Chef des DDR-Konsulats bot den DDR-Bürgern auf
der Straße straffreie Heimkehr und einen offiziellen
Ausreiseantrag an. Ein Angebot, für das die DDR-Bürger nur
noch Hohn und Spott übrig hatten.
"Es war eine eigenartige Stimmung im La-ger", erzählt Kozma,
"Mut und Angst lagen dicht nebeneinander." Der Pfarrer half,
wo er konnte, tröstete, machte Mut. "Die Kir-che war Tag und
Nacht offen, viele lernten zu beten, sie erzählten sich ihre
Geschichte und sagten, sie seien neu geboren." Als die
ungarische Regierung in der Nacht vom 10. auf den 11.
September im Alleingang ent-schied, die Grenze komplett zu
öffnen, ent-spannte sich die Situation. Doch bis zum ü
berraschenden Fall der Berliner Mauer am 9. November blieb
Ungarn für DDR-Bürger das einzige Tor in den Westen. Erst am
14. November verließ der letzte Flüchtling den Garten von
Pfarrer Kozma auf. Fast 50.000 der insgesamt 145.000 DDR-Flü
chtlinge waren durch seine Lager gegangen.
15 Jahre später liegt der Garten der Pfarrei "Zur heiligen
Familie" wieder im Schatten der Weltgeschichte. In Zugliget
ist es ruhig und idyllisch wie eh und je. Doch die
Erin-nerung an den dramatischen Herbst 1989 wird ist weiter
lebendig. Am Rande des gepflegten Gartens stehen zwei
originale Segmente der Berliner Mauer, ein Malte-serzelt und
ein Trabi, der mit deutschen wie ungarischen
Zeitungsartikeln aus diesen Tagen beklebt ist. In einem
kleinen Muse-um erzählen Fotos und Zeitungsartikel die
Geschichte der Massenflucht. Und seit die-sem Sommer steht
ein Denkmal im Garten, zwei sich umarmende Figuren, die auf
einer Mauer stehen, durch die sich ein Riss zieht. Als
Bundeskanzler Gerhard Schröder im September Budapest
besuchte und der Re-gierung für die mutige Grenzöffnung vor
15 Jahren dankte, führte ihn der Weg auch zu Pfarrer Kozma -
im Gegensatz zu den Flüchtlingen, die sich nach 1989 nie
mehr in Budapest sehen ließen. Allenfalls zehn bis 20 pro
Jahr schauen noch vorbei und erinnern sich an die Tage, die
ihr Leben veränderten, erst recht verirrt sich kein
Tou-rist, kein Reisebus nach Zugliget, auf den
obligatorischen Stadtrundfahrten steht die Pfarrei nicht auf
dem Programm. So sin-niert Imre Kozma, der mit dem Großen
Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wur-de, bei einem Blick ü
ber seinen Garten, der Weltgeschichte schrieb, über die
Vergess-lichkeit und Undankbarkeit der Menschen. "Dabei wü
nschen wir uns so sehr, dass die Deutschen diese Tage
niemals vergessen..."
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