Hans Jürgen Fink
Er wirkt nicht eben wie ein dynamischer
Jungunternehmer oder wie ein politisches
Kommunikationstalent, wenn man Ferenc Gyurczany
zum ersten Mal gegenübersitzt. Eher vorsichtig
wählt und wägt er seine Worte, bleibt auf der Hut
und emotionaler Distanz, ein Scherz mag ihm so
recht nicht gelingen, doch sein Selbstbewusstsein
und ein zäher Ehrgeiz sind unmittelbar zu spüren.
Diese Eigenschaften mögen es denn auch sein, denen
der 43jährige verdankt, was er bis heute geworden
ist: Ministerpräsident und Multimillionär. Eine
märchenhafte Karriere, die ihm gewiß nicht an der
Wiege gesungen war: geboren in einem
Provinzstädtchen im Südwesten des Landes,
aufgewachsen in ärmlichsten Verhältnissen. Erst
machte er das Lehrerdiplom an der Universität
Pecs, zu deutsch Fünfkirchen, dann studierte er
dort Volkswirtschaft. Die Politik aber wurde sein
Schicksal: als das kommunistische System
zusammenbrach, stand er mit an der Spitze des
Jugendverbandes der ungarischen KP. Und von dieser
Position aus machte er zunächst sein Vermögen:
dank seiner Kontakte und Insider-Informationen und
nicht zuletzt dank seiner Frau, seiner 3.
inzwischen, deren Mutter, Tochter wiederum aus der
Familie eines prominenten Kadar-Vertrauten, in der
Nach-Wende-Zeit zur Aufsichtsratsvorsitzenden der
Ungarischen Kreditbank avancierte. Im Zuge der
Privatisierungen sammelte Gyurczany Unternehmen
aus der Aluminium- und der Gummi-Industrie,
Immobilien am Balaton-See und, eine besondere
Pikanterie, das Gebäude am Donauufer, ehemals Sitz
der KP, wo heute die Parlamentsfraktionen ihre Bü
ros haben. Gyurczany hat eben alles -und alle-
heißt es in Budapest, in der Hand.
Gleichsam im Handstreich hatte der sozialistische
shooting star, seit 2003 im Vorstand der
Sozialistischen Partei und Minister für Jugend und
Sport, in diesem August die Parteibasis für sich
und seine Kandidatur für das Amt des
Regierungschefs gewonnen, gegen den Willen des
Establishments und seines Vorgängers Megyessy, der
das Handtuch geworfen hatte. Der
Generationswechsel war damit vollzogen, die
"Jungen", Gyurczany und seine Gefährten, haben das
Ruder in der Partei und der Regierung übernommen.
Und wenn überhaupt, haben die Sozialisten nur mit
ihnen die Chance, die nächsten Wahlen im Jahre
2006 zu gewinnen. Was schwer genug sein dürfte
schon angesichts klaffender Haushaltslöcher und
entsprechenden Konsolidierungszwangs,
stagnierenden Wachstums und einer
Arbeitslosigkeit von durchschnittlich 6 Prozent.
Oder einer anderen erschreckenden Zahl: etwa die
Hälfte der Ungarn lebt heute schlechter als zum
Ende des Kommunismus.
Vor diesem Hintergrund setzt der neue Premier auf
eine Doppelstrategie von aktiver Modernisierung
-Ausbildung, Infrastruktur und
Mittelstandsförderung - und sozialer
Gerechtigkeit, beispielsweise den Umbau vor einer
steuerfinanzierten auf eine direkte, eher die
Armen begünstigenden Familienförderung:
O-Ton
Übersetzung:
"Geben wir denen mehr, die mehr benötigen, und
fordern wir von denen mehr Verantwortung, die sich
in ihrem Privatleben besser stehen. Ich denke, so
Gyurczany., dies ist ein stärkerer
sozialdemokratischer Ansatz als der, den wir
bisher verfolgten."
Außenpolitisch hält sich der frischgebackene
Regierungschef noch bedeckt. Ob Ungarn seine
Soldaten aus dem Irak abziehen wird, will er im
November entscheiden, allein ausgerichtet an den
ungarischen Interessen. Mit dem Beitritt zur
Europäischen Union sei Ungarn am Ziel seiner Wü
nsche. Im Innern aber, so Gyurczany, müsse diese
Union flexibel sein:
O-Ton
Übersetzung:
" Der europäische Rahmen ist stabil. Aber
innerhalb dieses Rahmens müssen sich die Bü
ndnisbeziehungen bei einzelnen sozialen oder
k ulturellen Fragen ändern."
Gyurczany ist der sechste ungarische
Ministerpräsident seit der Wende. Noch nie wurde
eine Regierung nach Ablauf der Legislaturperiode
wiedergewählt. Sollte dies in zwei Jahren wieder
so sein, so hat der Multimillionär damit kein
Problem: wenn einer es besser kann, sagt er
trocken, soll er es doch machen.
|