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Imre Kozma (2)

BPC

von Hans Jürgen Fink

Im dichten Straßenverkehr der Budapester rush-hour braucht man fast eine Dreiviertelstunde, ehe man aus der Innenstadt nach Zugliget kommt, einem Vorort der Hauptstadt nordwestlich der Burg. Dort, rund um die Kirche zur Heiligen Familie, wurde vor 15 Jahren ein Stück Weltgeschichte geschrieben. Der weite Pfarrgarten war damals bedeckt mit weißen Malteser-Zelten, in denen die Menschen aus der DDR in jenem Sommer eine Herberge fanden, ehe -am 11. September- an der ungarisch-österreichischen Grenze der Eiserne Vorhang fiel. Zu danken ist dies einem Mann, der als katholischer Priester im kommunistischen Ungarn immer wieder seinen Mut unter Beweis gestellt hatte: Imre Kozma, zunächst Kaplan, später 20 Jahre lang Priester in der Gemeinde von Zugliget. Die Straßen und Plätze in Budapest, erinnert sich der heute 64jährige, waren damals voll von DDR-Bürgern, über Hundert von ihnen hatten Botschaft und Konsulat der Bundesrepublik besetzt und praktisch lahm gelegt. Der Generalkonsul Mut hatte dann die Idee: er ging zu Pfarrer Kozma, der ein Jahr zuvor mit westdeutschem Beistand den Ungarischen Malteser Caritasdienst ins Leben gerufen hatte, und bat ihn um Hilfe in einer politisch eminent brisanten Situation:

O-Ton 1:

Ich bin von der Messe gekommen , hatte eben mein Messgewand abgelegt, und da in der Sakristei hat er mir diese Frage gestellt. Ich wusste gar nicht, wie mir geschah, und da habe ich ja gesagt. Gott sei Dank habe ich nicht nachgedacht. Sonst hätte ich nicht Ja gesagt.

Das war am 13. August, am Abend des 14. standen die Zelte, die Malteser aus München herbeigeschafft hatten. Kozma mobilisierte Gaststätten und Hotels, um die meist mittellosen hungrigen und durstigen Deutschen mit dem Nötigsten zu versorgen, er kooperierte, wie zuvor schon, mit der Parteisekretärin des Budapester Bezirks, und appellierte -erfolgreich- von der Kanzel herab an die Mitglieder seiner Gemeinde. Und niemand, sagt er noch heute stolz, hat auch nur einmal nach Geld gefragt:

O-Ton

Gleich nach der Messe kamen -ich glaube- 158 Familien, die deutsche Familien mitgenommen haben. Die Leute, die hier in der Straße wohnten, sind den ganzen Tag in die Kirche gekommen und haben gefragt, wie sie helfen und was sie tun könnten. In allen Häusern haben sie angeboten, das Bad zu benutzen und die Wäsche zu waschen. Es kamen so viele, dass wir gar nicht alle auf einmal einsetzen konnten. Im Lager haben 6-700 Leute täglich gearbeitet.

Ein Zelt, zwei Segmente der Mauer, ein noch fahrtü chtiger Trabbi, mit nun schon historischen Zeitungen beklebt, sind die stummen Zeugen aus jenen aufregenden Tagen in Zugliget. Sie finden sich an der Straßenseite des nun wieder mit Gras und Blumen bedeckten Gartens, weiter zum Eingang hin steht die neue Skulptur, aufgestellt 15 Jahre danach: Zwei Menschen auf einem gespaltenen Sockel, die sich zärtlich umarmen, mit dem Spruch aus der Bibel versehen: "Ich bin ein Fremder gewesen, und Ihr habt mich aufgenommen". Geschaffen von dem ungarischen Künstler Rieger Tibor, bezahlt von ungarischem Geld. Wie auch die Ausstellung im Gemeindehaus, die mit bewegenden Bildern die Erinnerung wach hält an die Deutschen in ihrem Hoffen auf Freiheit und Bangen vor Auslieferung an die Behörden der DDR, eine Angst, die in Pfarrer Kozmas Erinnerung erst allmählich wachsendem Vertrauen wich:

O-Ton

Die ganze Nacht war die Kirche geöffnet. 500 bis 600 Leute haben hier gewohnt. Sie haben hier geschlafen, sie haben gelernt zu beten und wunderbare Geschichten davon erzählt, was sie hier jetzt erlebten. Sie haben sich hier -noch vor der Grenzöffnung- gefühlt wie neugeboren.

Als Dank hat die deutsche Bundesregierung Pfarrer Kozma das Große Verdienstkreuz verliehen und der Kirche in Zugliget eine Orgel gespendet, dafür, so steht leicht pathetisch auf einer Tafel an der Kirchenmauer geschrieben, dass Deutsche, die sich auf der Flucht vor der Willkür einer untergehenden Ideologie befanden, vom 14. August bis zum 14. November 1989 den Schutz des Ungarischen Malteser Caritasdienstes fanden. Am 14. August 2004 freilich, als die Skulptur im Kirchgarten aufgestellt wurde, war kein einziger von diesen Deutschen zugegen. Immerhin legte Bundeskanzler Schröder wenig später Blumen am Denkmal nieder. Doch von den Flüchtlingen, klagt Pfarrer Kozma, habe sich seitdem kaum jemand hier gemeldet. Eine Bundestagsabgeordnete habe das vor zwei Jahren gegebene Anruf-Versprechen bis heute nicht eingelöst. Und dass dieser doch eigentlich deutsche Erinnerungsort in keinem deutschen Reiseführer verzeichnet ist, dafür fehlt dem ungarischen Kirchenmann jedes Verständnis.

Pfarrer Kozma ist derweilen auch nach seinem Abschied aus Zugliget weiter aktiv, als Malteser-Präsident oder als Mitglied im Orden der Barmherzigen Brüder und Prior im einzigen katholischen Krankenhaus Ungarns. Er schöpft seine Kraft aus dem Evangelium, auch und gerade in einer Zeit, die nach seinem Bekunden nicht weniger der Hilfe und Nächstenliebe bedarf als die Jahre der kommunistischen Diktatur.