DEUTSCHE EINHEIT
1989 floh die 14-jährige Cornelia Genschow aus der DDR. 14 Jahre später besucht die heute in Alfter
lebende Künstlerin jene Lager in Ungarn, von denen aus die Flucht in die Bundesrepublik möglich wurde
Von Ulla Thiede
BUDAPEST. Sie ist wieder hingefahren, erstmals nach 14 Jahren, wollte im vergangenen Jahr den Ort sehen, dort, in den Hügeln im
Nordwesten Budapests, wo ihr Leben eine Wende nahm. Im beschaulichen Viertel Zugliget hat Cornelia Genschow Spurensuche betrieben,
betreiben müssen, um sich erinnern zu können an den Sommer 1989, als das reformkommunistische Ungarn die Grenze nach Westen für
zehntausende DDR-Flüchtlinge öffnete. Dass gut ein Jahr später am 3. Oktober die deutsche Einheit folgen würde, ahnten damals nur
wenige.
Das Erinnern fiel der heute 29-Jährigen deshalb schwer, weil sie damals erst 14 war und die historische Bedeutung der Ereignisse nicht
richtig erfassen konnte. "Zum Glück habe ich das alles nicht verstanden", sagt Cornelia Genschow, die als Malerin in Alfter lebt. Ein
Stipendium der Stadt Bonn hatte ihr im vergangenen Jahr einen Aufenthalt in Budapest ermöglicht. Von "Glück" spricht sie, weil sie in
ihrer Unwissenheit nicht die Angst teilte, die die anderen DDR-Flüchtlinge empfanden. "Im Lager hörte man immer wieder, man solle sich
nicht von der Stasi wegfangen lassen. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass es gefährlich war."
Pater Imre Kozma hat die meisten seiner Schützlinge anders erlebt. "Sie hatten Angst, dass wir sie den ostdeutschen Behörden ü
bergeben", erzählt der 64-Jährige, heute Chef des Ungarischen Malteser-Caritas-Dienstes, der in jenen turbulenten Wochen für 48 000
DDR-Bürger Unterkunft, Verpflegung, seelische und medizinische Betreuung organisierte. Und natürlich waren die grauen Männer von der
DDR-Staatssicherheit auch vor Ort.
Kozma weiß, was Repressalien sein können, war der katholische Priester doch von den früheren Machthabern in Ungarn 20 Jahre lang
wöchentlich einmal von der Geheimpolizei verhört worden. Als am 13. August 1989, dem Jahrestag des Mauerbaus, die deutsche Botschaft
in Ungarn den Pater fragte, ob er sich der DDR-Flüchtlinge annehmen könne, "habe ich sofort Ja gesagt, ohne nachzudenken". Kozma fügt
hinzu: "Gut, dass ich nicht nachgedacht habe."
Er ließ zahlreiche Kontakte spielen, unter anderem zu den deutschen Maltesern, die am nächsten Tag mit Zelten, Feldbetten, Decken anrü
ckten. "600 bis 700 Leute haben täglich im Lager gearbeitet." Hotels und Gaststätten in Budapest und Umgebung rief Kozma an, um Essen
zu organisieren. "Es wurde morgens, mittags und abends geliefert. Niemand fragte nach Geld." Als das erste Lager voll war, wurde ein
Zweites eröffnet. Am Ende waren es vier, die bis zu 20 000 Menschen fassen konnten.
Cornelia Genschow traf Ende August mit ihrem Bruder aus Dresden kommend in Budapest ein. Die Eltern hatten sich da schon in die
Bundesrepublik abgesetzt - während einer genehmigten Besuchsreise im Westen. Der gerade 18-jährige Sohn fuhr mit der Schwester im
Trabi nach Ungarn, wo die Familie immer den Sommerurlaub verbrachte. Nur war ihr Ziel dieses Mal nicht der Plattensee, sondern die
Botschaft der Bundesrepublik in Budapest, die aber wegen Überfüllung bereits geschlossen war.
Seit Monaten - seitdem die Außenminister Ungarns und Österreichs, Gyula Horn und Alois Mock, symbolisch einen Grenzzaun
durchgeschnitten hatten - versuchten DDR-Bürger über Ungarn die Flucht nach Westdeutschland. Immer wieder schafften es Ostdeutsche, in
den Westen zu kommen. "Die Soldaten haben einfach die Köpfe weggedreht, wenn die Flüchtlinge die Grenze überquerten", erzählt Kozma.
Nur wenn es an einem Tag zu viele wurden, schickten die Ungarn die Menschen wieder zurück.
Kehrten sie bis nach Zugliget zurück, fanden sie ihre Betten von Neuankömmlingen schon wieder belegt. Auch Cornelia Genschow und ihrem
Bruder ist es so ergangen. Mit dem Vater, der inzwischen mit West-Pass ausgestattet die Kinder in Zugliget besuchte, fuhren sie an die
österreichische Grenze, fanden aber keinen Durchschlupf. Von da an hieß es, im Lager auszuharren.
Aus der Sicht des Paters wurde aus der spontanen Massenflucht eine "politische Angelegenheit", als die westdeutsche Botschaft in
seiner Kirche Büros einrichtete und Reisepässe ausstellte. Das DDR-Regime beobachtete die Entwicklungen wutentbrannt, schickte Konsul
Dieter Grahmann nach Zugliget, um die "Republikflüchtlinge" zur Heimkehr zu bewegen. Locken oder einschüchtern ließ sich jetzt aber
niemand mehr.
Von all den Strapazen der drei Wochen im Lager ist in Cornelia Genschows Erinnerung kaum etwas haften geblieben. Nur eins: Am Eingang
des Lagers stand ein Fernsehapparat, um den sich die Flüchtlinge scharten. "Plötzlich hörte ich riesenlaute Glücksschreie. Mir standen
die Haare zu Berge und ich bekam eine Gänsehaut." Da hatten die Flüchtlinge erfahren, dass ihr Warten ein Ende hatte. Es war der 10.
September.
In Zugliget ist Cornelia Genschow auf Spurensuche gegangen, "archäologisches Erinnern" nennt das die Künstlerin. Sie hat das für sich,
aber auch für die anderen Flüchtlinge getan, von denen kaum einer in das Viertel in den Budaer Bergen zurückgekehrt ist. Pater Kozma
tut das weh. Er hat ein kleines Museum eingerichtet, das vom Leben im Lager zeugt. Cornelia Genschow hat fotografiert und gezeichnet
und die "Fluchtstücke" betitelten Arbeiten auf dem Gelände der Kirchengemeinde ausgestellt. Bundeskanzler Gerhard Schröder hat Mitte
September zum 15. Jahrestag der Grenzöffnung die Gemeinde besucht.
Heute sagt die Malerin, die Flucht sei für sie wirklich "ein Wendepunkt" gewesen: "Wer aus dem Osten kommt, ist hier im Westen
zufrieden." Dass dies umgekehrt für die im Osten gebliebenen nicht immer gilt, weiß sie. Auch, dass dies bei Westdeutschen zum Vorwurf
der Undankbarkeit führt. "Ich versuche, zwischen beiden Seiten zu vermitteln. Eine Lösung kenne ich aber auch nicht."
Ausgabe: 01 Erscheinungstag: 2004-10-02 00:00:00
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