Ein selbstbewusstes Polen will endlich ernst genommen werden
- und fürchtet eine westliche Übermacht in der EU
Von Jochim Stoltenberg
Vor dem EU-Beitritt Polens ist das Verhältnis zum Nachbarland
Deutschland noch nicht abschließend geklärt. Die Furcht vor
einem Europa, in dem die großen Staaten über die Köpfe der
anderen hinwegregieren, ist jenseits der Oder groß.
Warschau/Berlin - Ich traue weder meinen Augen noch den
Ohren, blicke betroffen zu Boden. Vor dem Mahnmal zum
Gedenken an den Aufstand der Juden im Warschauer Ghetto von
1943 singen, kreischen, hüpfen, ja tanzen an dem Ort
schrecklichster Erinnerung an die Hundert ausgelassene
Jugendliche. Sollten das etwa... Nein, es sind Schüler aus
Israel, aus Beersheva am Rande der Negev-Wüste. Auch für sie
ein Ort der Trauer, aber auch ein Ort der Selbstachtung, ja
eines gewissen Stolzes, dass sich die Juden vor 60 Jahren von
ihren deutschen Peinigern nicht haben völlig willenlos zu den
Schlachtbänken in Treblinka oder Majdanek führen lassen.
Vor dem Denkmal haben sie Kränze niedergelegt und Kerzen
entzündet. Dem Gedenken folgt die Ausgelassenheit der Jugend,
Normalität im Bewusstsein um die Vergangenheit während ihrer
Reise durch Polen. Davon kann im deutsch-polnischen
Verhältnis nicht die Rede sein. Vieles hat sich in den
vergangenen Jahren zum Positiven gewandelt, das Verständnis
füreinander ist mächtig gewachsen - und doch ist das Eis, auf
dem wir uns aufeinander zubewegen, noch immer verdammt dünn.
Deutsche und Polen - sie verbindet allen offiziellen
Erklärungen und unbestreitbaren Fortschritten zum Trotz noch
immer eine Beziehung voller Fußangeln und Missverständnisse.
"Ein guter Partner akzeptiert nicht alles. Aber er ist zum
fairen Kompromiss bereit", bekräftigt Polens Außenminister
Wlodzimierz Cimoszewicz im Gespräch mit Mitgliedern des
Berliner Presseclubs. Eine Kernbotschaft, die in Varianten
auch im Palais des Staatspräsidenten von dessen
Europa-Staatssekretär Dariusz Szymczycha vermittelt wird.
Die Polen zeigen sich selbstbewusst. Sie wissen, was sie
wollen, die Gespräche mit den Regierungsmitgliedern sind
erstaunlich offen, die Antworten klar, kein diplomatisches
Wischiwaschi. Die Polen wollen vor allem eins: endlich als
souveränes Land ernst genommen werden, gleichberechtigter
Partner innerhalb der Europäischen Union sein, ohne jede
Bevormundung durch die Altmitglieder, schon gar nicht durch
eine von Deutschland und Frankreich beanspruchte
Führungsrolle.
"Die Zeiten haben sich geändert. Wir sind nicht länger
EU-Kandidat. Polen ist jetzt Mitglied. Das müssen wir Polen
begreifen, aber auch die alten Mitglieder. Sie haben neue
Partner mit allen Rechten", sagt selbstbewusst, aber ohne
eine Spur von Überheblichkeit Außenminister Wlodzimierz
Cimoszewicz. Seinem Dank an Deutschland für die Unterstützung
bei der Aufnahme in die EU folgen sogleich kritische
Anmerkungen. Etwa zur Reaktion auf Polens militärisches
Engagement im Irak "Deutschland vertritt seine Position zu
Amerika, wir haben unsere. Und wir sind wir enttäuscht, wenn
wir deshalb kritisiert werden. Eine gemeinsame europäische
Außenpolitik ist notwendig, aber sie darf uns nicht diktiert
werden. Wir fordern eine faire Debatte."
Oder zum Streit über die Stimmengewichtung bei künftigen
EU-Entscheidungen: "Wir haben Respekt vor den traditionellen
Entscheidungswegen innerhalb der Gemeinschaft. Aber keiner
darf eine dominierende Rolle gewinnen." Oder zu einer von der
Nato losgelösten EU-Streitmacht: "Die Nato sollte das
entscheidende militärische Instrument bleiben. Sicherlich
muss der europäische Faktor gestärkt werden. Aber wir meinen,
dass dies innerhalb der Nato geschehen sollte. Nichts darf am
Ende unser gemeinsames Verteidigungsbündnis mit Amerika
schwächen."
Damit ist klar, auf wen Polen aus historischer Erfahrung und
angesichts seiner Grenznähe zu Weißrussland und vor allem zu
Russland sicherheitspolitisch bauen: auf die Amerikaner. Die
Europäer haben sie zu oft im Stich gelassen. Eine
Prioritätensetzung, die der Regierung Schröder/Fischer nicht
behagt, der in Paris noch viel weniger.
Polens Staatspräsident Alexander Kwasniewski lässt seinen
Staatssekretär für Europa-Angelegenheiten ins gleiche Horn
stoßen: "Wir wundern uns schon, wie das erfolgreiche
Nato-Bündnis jetzt von einigen Mitgliedsländern abgeschrieben
wird. Wenn sich etwas bewährt hat, macht es keinen Sinn, das
zu ersetzen." Das gelte auch für die strittige Besetzung der
EU-Kommission. "Jedes EU-Mitglied muss auch in einer
Gemeinschaft der 25 einen Kommissar stellen. Für alle muss
gleiches Recht gelten. Sonst fallen wir zurück in alte
Zeiten." Und in Anspielung auf das gerade überwundene
kommunistische Regime fügt Szymczycha hinzu:" Zurück zum 1.
Sekretär der Partei ..."
Ein ganz anderes Geschütz fährt die Senatorin Dorota
Simonides auf, die ihren Wahlkreis im früheren Schlesien hat.
"Viele meiner Wähler sorgen sich, dass über die Köpfe der
Polen hinweg Franzosen, Deutsche und Russen wieder in Europa
entscheiden." Noch sei alles in Ordnung.
"Aber wir müssen wachsam sein." Wachsam müssten auch die
Deutschen sein. Wenn sie nicht rechtzeitig ihre Türen
öffneten für gut ausgebildete und hoch motivierte junge
Polen, dann könnte es zu spät werden. "Allein aus meinem
Oppelner Wahlkreis arbeiten schon 110 00 Polen in Holland,
obwohl sie einen deutschen Pass besitzen. Die Deutschen und
auch die Österreicher glauben noch immer, wir kämen wie eine
wilde Horde in ihr Land."
Aus Kreisen der deutschen Botschaft in Warschau wird kein
Hehl daraus gemacht, dass Warschau derzeit kein einfacher
Partner ist. Der Ärger über die Polen, für deren Eintritt in
die EU man erst gekämpft habe und die sich jetzt so aufmüpfig
geben, sei ziemlich groß. Und die Verstimmungen drohen weiter
zu eskalieren, wenn am Mittwoch die EU ihren Mängelbericht
über die von den Neumitgliedern zu erfüllende Pflichtenagenda
vor dem offiziellen Beitrittsdatum 1. Mai 2004 präsentiert.
Dann, so heißt es, sei Polen mit rund 50 "Problemfällen"
dabei. Unter anderem müssen 1500 Schlachthöfe im Lande auf
EU-Standard gebracht, anderenfalls geschlossen werden. Es
wäre nicht das erste Mal, dass Engpässe in der
Fleischversorgung unter den Polen einen gefährlichen Sturm
der Entrüstung auslösen.
Auch die hohe berufliche Qualifikation der Polen wird
bestätigt. " Sie sind sehr motiviert und sind zunehmend auch
im Bereich der Hochtechnologie gut ausgebildet. Das könnte
zum Problem für deutsche Arbeitnehmer werden", sagt ein
Botschaftsangehöriger. Zudem ist die polnische Wirtschaft
anders als die deutsche derzeit eine prosperierende: In
diesem Jahr wird es ein Wachstum von 3,5 Prozent geben, 2004
werden fünf Prozent erwartet.
Ja, und dann lastet noch das geplante Zentrum gegen
Vertreibungen auf dem deutsch-polnischen Verhältnis. Sowohl
Außenminister Cimoszewicz wie der Staatssekretär im
Präsidialamt Szymczycha vermitteln dem Besucher aus
Deutschland den Eindruck, dass dieses Thema der Vergangenheit
die ohnehin komplizierte Zukunft nicht noch weiter eintrüben
sollte. Der Auftritt der Vorsitzenden des Bundes der
Vertriebenen, Erika Steinbach, vor einigen Wochen in Polen
sei nicht gerade glücklich gewesen. Ein solches Zentrum, wenn
denn in Deutschland darauf gedrungen werde, müsse aber
mindestens auch über die Ursachen der Vertreibung aufklären
und Linien bis in die Gegenwart ziehen. "Die Geschichte darf
nicht noch einmal unsere Beziehungen dominieren", sagt der
Außenminister. "Wir haben eine Vision, und da macht es keinen
Sinn, immer wieder zurückzublicken."
Dass sich gerade die so geschichtsbewussten Polen schwer
damit tun, wenn auch die Deutschen sich ihrer Opfer des
Krieges erinnern, ohne damit etwa die eigene Schuld zu
leugnen oder auch nur zu mindern, überrascht denn doch. Und
wird im Gespräch mit Intellektuellen wie dem renommierten
Journalisten Adam Krzeminski gar schwer erträglich. Die
Deutschen hätten durch ihren Vernichtungskrieg gegen Polen
das Recht auf jede Art von Opferrolle verwirkt. Das Zentrum
gegen Vertreibungen, wie es Frau Steinbach wolle, habe
letztlich nur das Ziel, von dieser deutschen Schuld
abzulenken, ja sie zu leugnen. Angesichts solch
unversöhnlicher Töne eines in Polen wie in Deutschland hoch
angesehenen Journalisten wundert es denn weniger, dass der
voller Emotionen geführte Streit über das Zentrum in Polen
vornehmlich in den Medien ausgetragen wird.
Deutschland und Polen - eine Nachbarschaft, noch immer weit
entfernt von unbeschwerter Normalität. Trotz gefallener
Grenzen, trotz gemeinsamen Verteidigungsbündnisses, trotz
EU-Partnerschaft. Die Vorurteile auf beiden Seiten haben eine
böse Überlebenskraft. Auch nach über zehn Jahren der
Versöhnungsgespräche und Gesten des guten Willens. Da hilft
nur eins: Polen darf den meisten Deutschen nicht länger ein
unbekanntes Land bleiben.
Und die Polen? Sie sind willkommen, das gänzlich veränderte
Deutschland persönlich zu erleben. Nur wenn sich Nachbarn
kennen, kann sich vertrauensvolle Nachbarschaft entwickeln.
Sie kann von den Regierungen allein nicht getragen werden.
Wie mit Frankreich muss sie tief in den Völkern verankert
werden.
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