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Warschau Manuskript

BPC

DeutschlandRadio Berlin
OrtsZeit Früh
28. 10. 2003
6: 15 Uhr

Moderation:

Die Republik Polen ist das mit Abstand größte Land unter denen, die am 1. Mai kommenden Jahres der Europäischen Union beitreten. Entsprechend ist das Selbstbewusstsein unseres östlichen Nachbarn, trotz aller Kritik aus Brüssel, Warschau hinke hinter den Anderen her, was die Erfüllung der Beitrittskriterien betrifft. Das man in Polen dennoch voller Zuversicht vor vorn schaut, das hängt auch mit einer Wirtschaftsprognose zusammen. Die Fachleute trauen der polnischen im Jahr 2004 ein Wachstum von fünf Prozent zu, Zahlen, von denen die Politiker hierzulande träumen.

DeutschlandRadio-Korrespondent Michael Groth war in Warschau und er hat unter anderem mit dem polnischen Außenminister gesprochen.

O-Ton1
With all of our phantastic positive ......

Trotz der phantastischen Ergebnisse, die wir bislang erreicht haben: seit kurzem gibt es einige Probleme. Das betrifft unterschiedliche Ansichten in Sachen Irak und europäische Verfassung, und es betrifft die Initiative von Madame Steinbach.

.....Initiative of Madam Erika Steinbach.

Selbstbewusst verweist Polens Außenminister Wlodzimierz Cimoszewicz auf die Schatten, die derzeit das Verhältnis zwischen Berlin und Warschau verdunkeln. Der nahe Beitritt zur Europäischen Union bedeute für Polen keineswegs das Ende einer eigenständigen Außenpolitik. Mit Blick auf die derzeit gespannten Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland auf der einen, und den Vereinigten Staaten auf der anderen Seite, erklärt Cimoszewicz sein Land zum Hü ter der trans-atlantischen Wertegemeinschaft.

O-Ton2
We strongly believe in the need of good ......

Wir sind davon überzeugt, dass die Nato auch in Zukunft unser wichtigstes sicherheitspolitisches Instrument bleibt - gerade was Europa betrifft, aber auch andere Regionen. Und nun sind wir verlegen und enttäuscht, wenn uns wegen dieser Ansicht in Europa eine allzu große Nähe zu den Amerikanern vorgeworfen wird. Diejenigen, die dies tun, konstruieren einen Widerspruch zur europäischen Integration: diesen Widerspruch gibt es nicht.

...with the United States.

Eine gemeinsame europäische Außen- und Sicherheitspolitik, so der polnische Außenminister, dürfe keinen Exklusivitätsanspruch vertreten; jeder Versuch, ohne Beteiligung der Nato neue Strukturen zu errichten, würde die Nato schwächen.

Auch im Kampf für die von der EU im Jahr 2000 in Nizza festgelegten Regeln zeigt sich Polen unnachgiebig. Sie sollten bei Abstimmungen in der Gemeinschaft die sogenannten "Großen" - Frankreich und Deutschland - bändigen und so die anderen Länder schützen. Sollten die Nizza-Kriterien - wie im neuen Verfassungsentwurf vorgesehen- geändert werden, fürchtet Cimoszewicz einen Bedeutungsverlust.

O-Ton3
We, as a big society, have a ....

Als eine große Gesellschaft sind wir dann Teil einer noch größeren Gemeinschaft. Das muss jeder Pole lernen. Aber auch der Westen muss lernen: die Bevölkerung wie die Politiker. Die neuen Mitglieder sind Partner, und als solche haben sie mehr Rechte, als das Recht zu schweigen.

……than the right to stay silent.

Polen wolle unter den neuen EU-Mitgliedern keine Führungsrolle spielen, sagt der Außenminister. Warschau habe sich aber in den vergangenen Jahren den Respekt seiner Nachbarn verdient. Wenn man heute eine wichtigere Rolle spiele, sei dies eine gleichsam "natürliche" Rolle, und nichts, was man bewusst angestrebt habe.

Mit dem von der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen Erika Steinbach und dem SPD-Politiker Glotz in Berlin geplanten "Zentrum gegen Vertreibungen" geht Cimoszewicz hart ins Gericht.

O-Ton 4
This is this ill kind of logic ....

Es ist eine kranke Logik, die es der Geschichte erlaubt, einen Schatten auf die Gegenwart und die Zukunft zu werfen. Wir sollten unsere junge Generation nicht mit solchen Fragen belasten. Wir dürfen den Radikalen, die lieber zurück als nach vorn` blicken, nicht erlauben, das deutsch-polnische Verhältnis zu dominieren.

……German-Polish relations and cooperation.

In Polen wird befürchtet, das Berliner Zentrum stelle einseitig das Leid der Deutschen in den Mittelpunkt; die wohl wichtigste Ursache der europäischen Vertreibungen der dreißiger und vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts -die nationalsozialistische Gewaltpolitik- gerate so in den Hintergrund. Dorothea Simonides, für den schlesischen Bezirk Oppeln im polnischen Senat, schließt sich der Meinung des Außenministers an und kritisiert die CSU-Bundestagsabgeordnete Steinbach:

O-Ton 5

Wenn in jedem polnischen Haus nach fünfzig Jahren aufgezählt wird, wer wen getötet hat - nach fünfzig Jahren sollen wir die Gräber wieder aufmachen, den Graben, den wir zu verschütten suchten - durch Aktion "Sühnezeichen", durch die verschiedene Arbeit mit der Jugend. Und auf einmal hat sie alles kaputt gemacht. Also - ich werde mir meine Arbeit nicht kaputt machen lassen.

Trotz aller Missstimmigkeiten plant Warschau am 1. Mai nächsten Jahres ein großes Fest. Die Hausaufgaben werden bis dahin erledigt, sagt Außenminister Cimoszewicz, und Polen freue sich auf die EU. Dann sei es wie in einer Familie - man streitet bisweilen, aber man weiß, wohin man gehört.